Veröffentlicht am Di., 8. Okt. 2019 17:29 Uhr

Karl Munzlingers Fresko in der Schmerzker Kirche

von Pf. i.R. Gerke Pachali

 

Seit den Befreiungskriegen 1813-15 gibt es in den Kirchen Gedenktafeln für gefallene Soldaten. In jedem Krieg wurden es mehr Gefallene. Die Tafel für den 1. Weltkrieg in der Katharinenkirche nennt 408 Namen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde es schwierig, die Namen der Gefallenen zusammenzustellen. Flüchtlingsfamilien kamen, deren Männer im Krieg geblieben waren. Dazu gab es viele Ziviltote.

1955 sollte die Kirche in Schmerzke ein „Denkmal der Gefallenen“ bekommen. Den Auftrag erhielt der Brandenburger Kunstmaler Karl Munzlinger. Über ihn habe ich herausgefunden: Er wurde 1908 in Essen-Rüttenscheid geboren, hat in Köln Kunstmalerei studiert und dabei die Kunststudentin Dorothea Walther kennengelernt. 1938 haben sie geheiratet. Er war katholisch, sie evangelisch.


In ihr Familienstammbuch haben sie eintragen lassen: „gottgläubig“. Das war die NS-Bezeichnung für Konfessionslose. Während des Krieges war er Soldat, kam in Gefangenschaft und anschließend nach Brandenburg a.d.H. Hier leitete er von 1949 bis 1954 das Museum in der Ritterstraße. Da wurde er angezeigt, er habe Museumsgut nach Westberlin verschoben. Im Prozess wurde er freigesprochen, aber die Atmosphäre war danach so vergiftet, dass er das Museum aufgab und freiberuflich arbeitete. Doch kaum jemand hat damals Aufträge an einen Kunstmaler vergeben. So verdiente er sich seinen Lebensunterhalt vorwiegend mit dem Restaurieren kirchlicher Kunstwerke, obwohl er das nicht gelernt hatte und deshalb oft nicht fachgerecht arbeitete. Bekannt ist bisher nur, dass er drei Bilder gemalt hat:

Außer dem Fresko in Schmerzke eine „Kreuzigung“ für die Kirche in Klein Briesen und ein Wandbild im „Haus der Jungen Pioniere“ in der Neustädtischen Heidestraße, das 1983 abgebrannt ist. Ich habe bisher noch kein Foto des Wandbildes auftreiben können. Gewohnt hat Munzlinger in der Eichamtstraße 6, seine Werkstatt hatte er im Hof von Havelstraße 2.

Wie hat er die Aufgabe gelöst, ein „Denkmal der Gefallenen“ zu schaffen? Im Domarchiv wird sein Entwurf aufbewahrt, eine Bleistiftzeichnung 60 x 60 cm auf Zeichenkarton (Foto). Dargestellt sind außer dem segnenden Christus zwölf Menschen; der Mann rechts trägt den Stahlhelm der Wehrmacht, links unten liegt eine Gasmaske.


Im ausgeführten Fresko sind Helm und Gasmaske fortgelassen, von den zwölf Menschen sind sechs geblieben. So hat der Künstler durch die Änderungen dem Fresko mehr Klarheit der Komposition gegeben und inhaltlich den Schwerpunkt auf alle Kriegstoten gelegt. Der segnende Christus ist einerseits traditionell mit langem weißen Gewand und andererseits mit dem modernen Männerkopf, also nicht wie sonst üblich langhaarig, gezeichnet. Munzlingers Schwiegertochter vermutet, der Maler habe sich damit selbst ins Bild gebracht. Aber das ist nicht sicher, weil sie ihn nicht persönlich erlebt hat, denn er war schon zwei Jahre tot, als sie seinen Sohn geheiratet hat.


Auf dem Holzbrett steht: „Den Toten der Kriege“. Den Sinn des Freskos sehe ich in dem Jesuswort: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Dazu passen auch die drei Kreuze von Golgatha ganz links im Fresko. Christus hat gelitten und ist gestorben, wie die Toten der Kriege. Munzlinger war herzkrank und starb 1967 während einer Kur in Bad Doberan. Seine Frau hat danach weitere Restaurierungen gemacht, u.a. die beiden Reckahner Kronleuchter. Sie ist 1986  gestorben. Beide ruhen auf dem Neustädtischen Friedhof in der Familiengrabstelle.


Anmerkung: Für Hilfe zu diesem Beitrag danke ich der Restauratorin Annett Xenia Schulz (Berlin) und Brigitta Munzlinger (Brandenburg a.d.H.)

Foto Fresko: Mosch

Foto Skizze: Pachali

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